3. Fastensonntag
Lesejahr A

1. Lesung: Ex 17,3-7
2. Lesung: Röm 5,1-2.5-8
Evangelium: Joh 4,5-42

Aus der ersten Lesung:
In jenen Tagen dürstete das Volk nach Wasser. ... Der Herr antwortete Mose: ... Dann schlag an den Felsen! Es wird Wasser herauskommen und das Volk kann trinken. (Ex 17,3.5.6)

Aus dem Evangelium:
Da sagte die Frau zu ihm (Jesus): Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe. (Joh 4,15)


Werden die Jungen noch glauben können?

Dieser dritte Fastensonntag konfrontiert uns mit dem Bild vom Brunnen: Mit dem Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen ebenso wie mit der Szene, in der Mose dem verdurstenden Volk Israel Wasser aus dem Felsen schlägt; beides sind eindeutig Erklärungen unserer Gottes- und Glaubenserfahrung. Denn: Wenn dein Glaube Bedeutung erlangen soll für dein Leben und wenn du Gott finden willst für immer und überzeugend, so daß du mit ihm leben kannst, dann muß dieser Gott für dich sein wie ein Brunnen in deiner eigenen Tiefe, aus der das lebendige Wasser des Glaubens täglich für dich fließt.

Wie wenige von uns - und damit klingt der Schlußgedanke vom letzten Sonntag wieder an - haben einen solchen lebendigen Zugang zu Gott und zum Glauben schon gefunden! Für viele Christen bleibt der Glaube eine reine Verstandessache. Kürzlich sagte mir z.B. ein junger Bräutigam wörtlich ins Gesicht: "An irgendein höheres Wesen glaube ich schon, aber mit der Kirche hab ich nichts am Hut!" Wir kommen gleich auf dieses wachsende Problem zurück.

Oder aber das Glaubensleben erschöpft sich im Vollzug von angelernten Gewohnheiten, die lebenslang abrollen, die jedoch niemals eine echte Erschütterung der Person bewirken, die niemals in die Tiefe dringen und zu einer Quelle lebendigen Wassers werden. Und es zeigt sich heute immer mehr, daß der Glaube bei der jungen Generation vom Aussterben bedroht ist, wenn er bei unseren Kindern und Jugendlichen nicht in die Tiefe vordringt und zu einer persönlichen Begegnung mit Jesus Christus wird.

Damit bin ich bei dem, was ich Ihnen zu diesem Sonntag unbedingt erzählen muß. In einer christlichen Wochenzeitschrift erschien vor einiger Zeit der Brief einer Mutter "an meine ungläubigen Kinder". Sie schildert darin ihre Besorgnis und ihr Erschrecken, weil alle ihre fünf Kinder, die sie besten Willens und so gut sie konnte im Glauben erzogen hatte, ungläubig geworden sind. Was haben wir falsch gemacht?, so fragt sie immer wieder. Es kam zu einer Riesenflut von Zuschriften, die alle das gleiche Klagelied anstimmten, daß die Weitergabe des Glaubens an die junge Generation gefährdet scheint, daß wir Erwachsene es kaum noch schaffen, die Jungen überzeugend in den Glauben einzuführen. Ein paar Monate später erschien in der gleichen Zeitschrift der Brief eines 28Jährigen, der mit schonungsloser Offenheit unter der Überschrift "Wir werden keinen Schaden nehmen" darlegt, daß er mit 16 Jahren den Glauben zu praktizieren aufgehört habe, und daß seine Generation auf Gott, Christus und Kirche verzichten könne, ohne dabei irgendeinen Schaden zu nehmen. Heute kann also niemand mehr die Augen davor verschließen, daß wir zur Zeit in einer tiefgreifenden Krise der Glaubensvermittlung stehen.

Anfügen kann ich, was alle Pfarrer des Dekanates bestätigen: Unsere Brautgespräche und Hochzeiten werden immer schwieriger und unangenehmer, weil von zehn Brautpaaren im Schnitt nur noch eins eine echte Bindung an den Glauben hat.

Warum ist das so? Drei Gründe sprechen klar dafür: Jener 28jährige Brief-, schreiber wörtlich: "Ich hatte eine gläubige Kindheit, nahm am Gemeindeleben und Religionsunterricht teil und war sogar Ministrant. Mit 16 Jahren kam dann der Bruch. Obgleich ich in einer gläubigen Atmosphäre aufwuchs, habe ich nie eine wirklich tiefgehende religiöse Erschütterung erlebt."

Eine junge deutsche Dichterin sagte kürzlich in einem Interview: "Ich bin in einem katholischen Milieu aufgewachsen. Im Rückblick auf meine Kindheit und Jugendzeit muß ich bekennen, daß in meiner Gemeinde keine echte Gläubigkeit geherrscht hat. Man ging halt in die Kirche. Es hat sich mir nie vermitteln können, daß da etwas anderes dahinterstecken könnte."

Und der inzwischen verstorbene Theologe Karl Rahner schrieb schon 1969: "Wir brauchen eine tiefgehende Einweihung in die ursprüngliche Gotteserfahrung, daß den jungen Menschen etwas aufgeht vom unsagbaren Geheimnis Gottes. Wenn wir uns dieser Aufgabe entziehen, dann wird sich die Faszination fernöstlicher Gurus als stärker erweisen, weil unsere dürre und abstrakte Rede über Gott nicht ins Herz zielt und deshalb keine Betroffenheit auslösen kann."

Was ergibt sich für uns Erwachsene aus diesem Problem? Ich möchte es nur in wenigen Stichworten andeuten:

* Wir müssen dieses Problem sehen lernen: So stand z.B. die Diözesansynode von Stuttgart-Rottenburg unter dem Thema "Weitergabe des Glaubens an die junge Generation". Der Grundtenor: So wie wir den Glauben leben - davon hängt entscheidend ab, ob die nächste Generation noch glauben wird. In unser aller Verantwortung liegt das.

* Die Kinder und Jugendlichen durchschauen uns mit messerscharfen Augen. Sie schauen uns bis auf den Grund und wollen nur eins von uns wissen: Bist du, Erwachsener, Vater, Mutter, Lehrerin, Pfarrer, Frau und Mann im Gottesdienst, bist du echt und überzeugend - von innen heraus" Nur das wollen sie entdecken. Alles, was wir ihnen äußerlich vormachen, bewirkt keinen Glauben.

* Das bedeutet - und ich wiederhole gern den Satz vom Anfang: Wenn dein Glaube Bedeutung erlangen soll für dein Leben und das der jungen Generation, und wenn die junge Generation in dir Gott finden soll für immer und überzeugend, so daß sie mit ihm leben kann, dann muß dieser Gott für sie sein wie ein Brunnen in ihrer eigenen Tiefe, aus der das lebendige Wasser des Glaubens täglich fließt.

* Die tödliche Gefahr für die Glaubensvermittlung heißt also mit einem Wort: Oberflächlichkeit. Wenn die Gottesdienste vom Leerlauf bestimmt sind, die Predigt abstrakt und herzlos, das Glaubensvorbild der Eltern nur äußerlich, das Gebet nur verlegen und das Leben der Pfarrgemeinde nur gewohnheitsmäßig vor sich geht, dann bewirkt das nichts.

Deshalb ein letzter Satz, der als Appell an jeden einzelnen gedacht ist: Frage dich bei allem, was du als Christ tust: Kann mein Verhalten einen jungen Menschen für den Glauben gewinnen? Spürt ein junger Mensch an meinem Verhalten (nicht an den Worten, denn Glaube kommt nicht vom Reden), daß es sich lohnt, täglich aus dem Brunnen des Glaubens zu trinken? - Dahinter steht auch die Frage: Bin ich selbst schon einmal erschüttert worden vom Dasein Gottes in meinem Leben?

Diese Fragen sind die entscheidenden Fragen für die Weitergabe des Glaubens an die junge Generation - nicht nur in der Fastenzeit.